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Stand: 17.07.2016

Streetwork

Ein Perspektivwechsel – Corona auf der Straße

Ben Peter 2

Reichen die Lebensmittel zuhause für die nächsten Wochen? Wann hat der Lieblingskleiderladen wieder geöffnet? Wann kann ich endlich abends wieder gemütlich essen und trinken gehen? Diese oder ähnliche Fragen stellen sich viele Menschen dieser Tage. Die Region, ja auch die Stadt, in der man lebt, befindet sich im Ausnahmezustand. Der persönliche Konsum fährt zwangsweise zurück. Für viele Menschen sind diese Fragen purer Luxus. Ihre Probleme sind andere. Obdachlose und Menschen, deren Leben auf andere Weise in soziale Schieflage geraten ist, erleben die Situation und die Gefahren dieser Corona-Krise anders. Existenzieller. Wir haben Ben Peter, den Streetworker des Caritasverbandes der Diözese Regensburg getroffen. Heraus kam ein völlig anderer Blick auf diese Ausnahmesituation und auch Persönliches von Ben Peter.

Ben, Menschen auf der Straße, Obdachlose wie Drogenabhängige, haben ohnehin existenzielle Probleme und Sorgen. Welche Sorgen machen sich diese Menschen in der aktuellen Situation?

"Meine Klienten nehmen die Corona-Pandemie sehr unterschiedlich auf. Gerade die Älteren unter ihnen bleiben - wenn es möglich ist - jetzt öfter zuhause,. Man muss wissen, dass viele von ihnen zwar eine Wohnung haben, aber diese ausschließlich zur Übernachtung nutzen. Sie flüchten morgens geradezu aus diesen Wohnungen zurück auf die Straße. Die Jüngeren sehen das Virus oft nicht als unmittelbare Gefahr. Die Folgen dieses Virus treffen sie allerdings allesamt deutlich. Wo kann ich jetzt mein Essen bekommen, wenn immer mehr Eirichtungen schließen? Was ist, wenn in der Obdachlosenunterkunft das Virus ausbricht und wir isoliert werden? Sie haben tatsächlich größere Angst, nicht mehr hinaus zu dürfen, als nicht mehr hinein zu kommen. Die Straße bedeutet für sie den sozialen Kontakt - vermutlich der größte Luxus für viele. Die Schließung der Behörden macht ihnen ebenfalls zu schaffen. Einige haben kein Mobiltelefon oder gar einen Internetzugang. Behördliche Anträge können Sie momentan nicht stellen. Ich suche aber immer nach Mittel und Wegen, um sie zu unterstützen."

Gibt es tiefergehende Gefahren, denen Suchtkranke auf der Straße durch das Virus ausgeliefert sind?

"Klar, es steigt die Angst und die Gefahr vor Hepatitis. Viele Anlaufstellen haben wegen des Virus geschlossen und so benutzen sie beispielsweise ihr Drogenbesteck häufiger. Jetzt bin ich zum Teil ihre einzige Anlaufstelle. Mit dem frischen Besteck will ich die Gefahr der Ansteckung für meine Klienten so gering wie möglich halten."

Welche Möglichkeiten haben deine Klienten, um sich vor dem Corona-Virus zu schützen?

"Die Vorgaben, die von den Behörden kommen, sind klar definiert. Aber sie sind auf der Straße oft nicht so einfach anwendbar. Ich habe aber ein Maßband dabei, weil ich meinen Klienten zeigen will, welchen Abstand sie zueinander einhalten sollten. Es überrascht sie immer wieder, wenn sie das sehen."

Firmen stellen in diesen Tagen auf Home-Office um oder schließen teilweise ganz. Beides ist in deiner Situation eigentlich nicht möglich. Wie groß ist denn die Gefahr für dich selbst und wie schützt du dich vor einer möglichen Ansteckung? "

Ja, wenn ich aufhöre zu arbeiten, steigt, wie schon gesagt, das Hepatitis-Risiko, aber auch die Gefahr, dass einige von meinen Klienten straffällig werden könnten, weil sie Geld für ihre Suchtbefriedigung brauchen. Meine Arbeit auszusetzen ist für mich eigentlich keine Option. Ich schütze mich, weil ich darauf achte, was ich anfasse und weil ich regelmäßig meine Hände reinige und so versuche ich, auch umgekehrt für meine Klienten nicht zum Überträger zu werden. Ich mache in dieser Ausnahmesituation so lange weiter, wie ich den Menschen helfen kann und es die Behörden zulassen."

Ben, zum Schluss eine private Frage an dich: Du erlebst täglich die Sorgen anderer Menschen und hilfst in oft aussichtlosen Situationen. Wie gehst du für dich damit um? Bist du gläubig?

"Ich bin es wieder! In meiner Jugend war ich ein Rebell und der Glaube war für mich weit weg. Ein kleiner Rebell und Punk bin ich immer noch (lacht), aber meine Arbeit und mein Arbeitgeber, die Caritas, haben mich zum Glauben zurückgeführt. Ich bin mit Leib und Seele Sozialarbeiter. Jesus war ja auch so etwas wie ein Sozialarbeiter. Er ist das größte Vorbild in meiner Arbeit. Ich gehe ab und an einfach mal in eine Kirche, um zu mir zu kommen. Darüber hinaus arbeite ich auch zusammen mit meinem Vorgesetzten und Kollegen mit Supervision. Daheim schalte ich dann einfach ab. Das klappt eigentlich sehr gut."

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